1818 bemühte sich der Ruller Pastor Sepe bei der Provinzial-Kloster-Verwaltung, die Wallfahrtskapelle auf dem „Kleinen Hügel”, oberhalb des Klosters, geschenkt zu bekommen, um darin eine Schulstube einzurichten. Bei der Auflösung des Zisterzienserinnenklosters 1802 war die „Kapelle nicht wie die Klosterkirche der ruller Gemeinde überlassen worden, sondern im Eigenthum des Klosters verblieben und wurde als solche in den jährlichen Kloster-Registern aufgeführt und steht folglich zur Disposition der Kloster-Administration“.
Tatsächlich tritt „die Königliche Klosterkammer der Gemeinde die Rullesche Capelle und zehn Scheffelsaat angrenzenden Grundes ab“. Dafür bekommt die Kammer aus Markengrund sieben Scheffelsaat auf dem Hohne zurück.
Der Wallfahrtsbetrieb hatte nach der Auflösung des Klosters nachgelassen und die Kapelle diente einzig dazu, bei den zehn Feldprozessionen dort die letzte Station zu halten. Offensichtlich war sie aber noch in einem Zustand, der gottesdienstliche Feiern zuließ.
Aus dem Baubefund des Landbauverwalters Doeltz von 1819 zur Vorbereitung der Umwandlung der Kapelle zur Schulstube kennen wir Maße und andere Einzelheiten.
Nach Doeltz ist die „alte massive Capelle 38 ½ Fuß (ca. 11,20 m) im Lichten lang, 20 ½ Fuß (6,00 m) breit, 16 Fuß (4,70 m) hoch, mit Ziegeln gedeckt, im Dache ohne Balkenlage, die Sparren mit Brettern verschalt, die Fenster sind 8 Fuß Höhe (ca. 2,35 m) von der Erde gelegen und unbrauchbar, der Fußboden ist mit Backsteinen schlecht geflurt“.
Nach seinen Plänen sollte ein dreiteiliges Lehrerhaus entstehen wie es im frühen 19. Jahrhundert auf dem Lande üblich war: mit einer „Schulstube“ und einer Wohnung für eine Lehrerfamilie sowie mit Stallungen für eine kleine Landwirtschaft. Die Schulstube sollte mit der Lehrerwohnung verbunden sein.
Der Umbau der Gnadenkapelle zur Schulstube verlangte radikale Eingriffe in die Bausubstanz; die erhaltenen Baurechnungen weisen diese Arbeiten nach. Das Dach wird völlig abgetragen und später neu verzimmert. Vom Glockenturm wird die „Kuppel mit Kreuz“ an den Kupferschläger Hammersen nach Osnabrück verkauft, „die Glocke von der Capelle (für 27 Thaler, 18 mgr) an die lutherische Gemeinde in Bellm“. Die sieben „Kirchenfenster“ werden heraus genommen und sechs davon in Rulle verkauft; die beiden großen Eingangstüren werden zu Türen für das Lehrerhaus umgearbeitet, der Altar wird „herausgebrochen und weggearbeitet“; die Flurziegel aufgenommen und für Keller- und Stallungsböden vorgesehen.
„Die erübrigten Bruchsteine kauft der Markkötter Probst für 23 Thaler und 30 mgr.“; ihm wird dafür wohl das gesamte Steinmaterial der abgebrochenen Apsis überlassen worden sein. Danach werden nur noch die Seitenwände mit vier Fensterlöchern und die Westwand mit den zwei leeren Portalen gestanden haben.
Die Grundrisszeichnung und die Berechnung der Baumaterialien, die Doeltz zur Ausschreibung vorgelegt hatte, gehen von dem Erhalt der Apsis aus (s. Grundriss). Die Zimmererarbeiten werden nach diesen Vorgaben kalkuliert und auch die Schulbänke werden passend für die Apsis in Auftag gegeben. Die Berechnung des Fußbodens für die Schulstube geht allerdings von 800 Quadratfuß aus, was genau der Fläche eines rechteckigen Raumes unter Einschluß der Apsis entspricht. Auch aus den Maurerrechnungen lassen sich Arbeiten und Materiallieferungen ersehen, die dafür sprechen, dass bereits 1820 ein rechteckiger Schulraum entstanden ist. Die Bestandspläne des Bauinspektor Reissner von 1876, die für eine notwendige Schulerweiterung angefertigt worden sind, zeigen ebenfalls einen rechteckigen Schulraum, der die Apsis einschließt. Von Reissner wissen wir auch, dass der Raum nur Fenster zur Ost- und zur Südseite gehabt hat.
Die Fenster der Südseite werden am alten Platze vergrößert und in der Höhe versetzt. Das rechte Portal wird Eingangstür zur Schulstube, in dem linken wird der gemeinsame Schornstein für die Schulstube und die Küche der Lehrerwohnung aufgesetzt. Die Fenster- und Haustürgewände werden „aus behauenem Iburger Sandstein“ erstellt. Der „doppelte stehende“ Dachstuhl wird völlig neu gezimmert und bekommt zur Straßenseite die Neigung des neu entstehenden Hauses.
Die neue Balkendecke wird mit Tannendielen verschalt. Der eichene Fußboden liegt 65 cm über dem Flurniveau der Kapelle, die Raumhöhe ist somit noch 3,45 m.
Der Bruchstein ist innen und außen mit Kalkmörtel geputzt und geweißt worden. Das Königliche Amt weist den Bauherrn an, „daß der Ofen in der Schulstube mehr in der Mitte angebracht werden könnte, denn wenn mäßig eingeheizt wird, so haben die hinten sitzenden Schüler die erforderliche Wärme nicht, wird aber stark eingeheizt, so dürfte solches den Lehrer und nahe sitzende Kinder beschwerlich
fallen“. Den „Pottofen“ mit Rohren und Stein verkauft die Äbtissin v. Waldthausen der Schulgemeinde für 11 Taler. Extra lange Ofenrohre, so genannte Russische Rohre, sollten für die größere Ausnutzung der Wärme sorgen.
Mit Bedacht wurde die Anordnung der Schulbänke von Ost nach West gewählt und der Lehrerstuhl an der Westwand aufgestellt. Das durch die großen Fenster einfließende Licht fiel somit von links auf die Hände der schreibenden Kinder. In dieser Schulstube hat es nie elektrisches Licht gegeben. Erst 1911 wurde die Försterei mit Elektrizität versorgt.
Die Schulbänke rechts und links des Mittelganges sollten nach Doeltz’ Berechnungen Platz für 78 Schreibschüler und 112 Leseschüler geben.
Es ist zu lesen, dass Zimmermann Meyer für die Schulbänke „Holz aus der alten Kirchspielkirche genommen“ hat. „Zur Einlassung in die Schreibbänke lieferte der Kupferschläger Hammersen 50 Stück bleierne Tintenfässer“. In Richtung des Lehrerstuhles sollte die Höhe der Bänke abnehmen. Zimmermeister Gattman aus Rulle lieferte eine Rechentafel. Der Eingang zum Schulhaus war von der „Fahrwegseite“ her. Von dort betrat der Lehrer seine Wohnung und die Schüler durch die alte Portaltür die Schulstube.
Für den Westgiebel des neuen Schulhauses hat Maurermeister Schoof einen behauenen Stein mit Inschrift gefertigt (s. Foto). Er stellt gleichzeitig zwei Wappensteine in Rechnung, die er „verändert und abgearbeitet und auf die Tafel neue Inschrift gemacht hat“. Sie befinden sich heute im Gebäude der verkauften Schule in Ost-Rulle. Die Inschriften lauten: „Schulhaus. Errichtet im Jahre 1820 durch Grossmuth der Königlichen Regierung, durch kräftige Unterstützung des Königl. Amts und treues Mitwirken der Gemeinde unter Pastor C. Sepe“. Im zweiten Stein ist zu lesen: „Ein Schulhaus ist wahrhaft auch ein Gotteshaus. Lasset die Kinder zu mir kommen, denn für die ist das Reich Gottes. Marc. 10. Cap. 14.V.“
Als an „Michaelis“ 1820 für 150 Ruller Kinder das neue Schuljahr begann, durften sie zum ersten Male ein Schulhaus betreten. „Zu früheren Zeiten ist bald in diesem, bald in jenem Bauern-Kotten oder Backhause von einem Heuermanne, den die Erbgesessenen dazu erwählt hatten, Schule gehalten worden“.
1879 ist das Schulhaus aufgegeben worden, weil sich das Äbtissinnenhaus „Auf dem Kloster“ für diesen Zweck anbot und ausreichenden Platz für den Klassenraum und zwei Lehrerwohnungen hatte.