Geschichte und Vorgeschichte


 

Das historische Schulgehöft des Klosterortes Rulle ist in den Jahren 2003 und 2004 vom Ruller Haus e. V. restauriert und umgebaut worden. Er betreibt in diesem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude ein Kultur- und Begegnungszentrum.

Die Geschichte des Gehöftes beginnt mit einer mittelalterlichen Wallfahrtskapelle, die an die Auffindung der Ruller Hostiendose im Jahre 1347 erinnert. 1820 widmete der damalige Pastor die Kapelle zur Schulstube um und baute daran eine Lehrerwohnung mit Diele und Stallungen. Im Jahre 1885 wurde das Gehöft zur Oberförsterei, die den ehemaligen klösterlichen Forstbesitz verwaltete. Seit 1932 war die Alte Försterei ausschließlich Wohnhaus für wechselnde Mieter.

Die öffentlichen Zuwendungsgeber unterstützen die Idee des Vereins, kulturelle Veranstaltungen anzubieten:

  • besondere Anliegen sind die Kinder- und Jugendkultur sowie
  • ein museumspädagogisches Angebot.

Das Gebäude bietet reichlich Raum für soziokulturelle Initiativen aus der Bevölkerung.

Das Projekt "Ruller Haus" wurde gefördert durch ...

  • EUREGIO INTERREG lIlA
  • Gemeinde Wallenhorst
  • Stiftung der Sparkassen Osnabrück
  • Landschaftsverband Osnabrück e.V.
  • Klosterkammer Hannover
  • Land Niedersachsen
  • Nieders. Lottostiftung/BINGO
  • Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Die „Alte Försterei“ in Rulle

Zur Vor-Geschichte des Ruller Hauses – von der Wallfahrtskapelle bis zum Besitzerwechsel im Dezember 2002

Im Wallenhorster Ortsteil Rulle bemüht sich der Verein Ruller Haus e. V., das Baudenkmal „Alte Försterei“ zu erhalten und zu einem Kultur- und Gemeindezentrum auszubauen1. In dem Haus an der Klosterstraße 4 verbergen sich Bauelemente aus drei Epochen: seit etwa dem 14. Jahrhundert die Ruller Blutskapelle, von 1820 bis 1879 die erste Dorfschule, danach bis 1930 das Forstgehöft der Oberförsterei Osnabrück. Bis heute haben dort wechselnde Mieter gewohnt. Der vorliegende Aufsatz versucht, alle Kenntnisse über dieses Anwesen zusammenzutragen, um sie für die Denkmalpflege verfügbar zu machen.

 

Als das „ruller Heiligthum“ Schulstube wurde

Aus verschiedenen Quellen lässt sich ein ziemlich vollständiges Bild der historischen Kapelle nachzeichnen. Eine gute Orientierung gibt zunächst der Kupferstich von Johann Heinrich Löffler, der auf einem Wallfahrtszettel aus der Zeit um 1680 nachgedruckt worden ist2.

Wer den Fahrweg vom Zisterzienserinnenkloster Marienbrunn zum „Kleinen Hügel“ hinaufging, traf bis 1820 auf die rullische Capelle, die seit Jahrhunderten von frommen Pilgern besucht wurde. Dieses rullische Heiligthum3 geht nach der Legende auf die Auffindung der gestohlenen Ruller Hostiendose zurück, die 1347 an der Stelle, an der später die Kapelle erbaut worden ist, weggeworfen worden sein soll.

Man erzählt von einem Blutwunder, weil ein gleichzeitig aufgefundenes Ziborientuch Farbflecke trägt, die als Blutflecke gedeutet wurden. Der Volksmund spricht noch heute von der Ruller Blutskapelle.

 

Das aus Kalkbruchstein erbaute und mit Kalkmörtel geputzte Kirchlein war nach den Außenmaßen etwa 7,50 m breit und 13 m lang und nach Osten von einer 3/8–Apsis abgeschlossen4.

Das Dach war mit roten Hohlziegeln gedeckt und ein kleiner Glockenturm mit Kreuz krönte das Haus. Die Westwand hatte zwei „Portale in Doppeltürgröße und scheidrechtem Bogen“, eine dritte Tür war wohl in der Nähe der Apsis5.

An den Haupt-Wallfahrtstagen, am 1. Mai und am Freitag vor Pfingsten, wird die Kapelle für die große Zahl der Pilger viel zu klein gewesen sein, so dass sie als Sakraments- und Prozessionskapelle angesehen werden muss. Sie war das Zentrum der Ruller Wallfahrt. Hier wurde das Armenopfer hinterlegt, das als gutes Werk zum Erwerb des Ablasses gehörte. Den Abschluss der Wallfahrt bildeten die Predigt des Priesters und der sakramentale Segen an diesem Ort.

An den Eckstellen, dort wo die Apsis ansetzt, hat man Postamente gefunden, die auf sogenannte Armenpöster, stabile Opferstöcke mit eisernen Schlössern, hinweisen6.

Der Kapellenraum muss ein heller Raum gewesen sein, der in acht Fuß Höhe drei Fenster in der Apsis hatte und je zwei an den Längsseiten. Der selbsttragende Dachstuhl erlaubte die Öffnung auf 4,70 m Höhe. Die Sparren waren mit Brettern beschlagen. Der Fußboden war mit Tonziegeln gedeckt7.

Diese Baubeschreibung ergibt sich vor allem aus den Bauakten von 18208. Frühere Renovierungen sind bekannt; so aus der Aufforderung des Osnabrücker Bischofs Franz Wilhelm von Wartenberg an die Klosterfrauen, die im 30jährigen Krieg verwüstete Kapelle wieder aufzurichten. Äbtissin Anna Magdalena von Clevorn bemühte sich nach 1683 um die Renovierung der Fenster und des Daches und fand Wohltäter, die für die Anschaffung eines würdigen Altares und einer kostbaren silbernen Lampe zu Ehren des Hl. Blutes sorgten, die an vier Ketten neben dem Altar aufgehängt war. Die Weihwasserbecken aus Sandstein sollen sich nach Feststellungen von W. Flake in der heutigen Gnadenkapelle9 befinden. Nach Auskunft des heutigen Bewohners sollen sie die Schul- und Försterzeit im Hause überstanden haben und erst von einem Bewohner nach 1931 abgeschlagen worden sein.

 brownnote_up.gif

Bau der ersten Ruller Schule 1820

1818 bemühte sich der Ruller Pastor Sepe bei der Provinzial-Kloster-Verwaltung, die Wallfahrtskapelle auf dem „Kleinen Hügel”, oberhalb des Klosters, geschenkt zu bekommen, um darin eine Schulstube einzurichten. Bei der Auflösung des Zisterzienserinnenklosters 1802 war die „Kapelle nicht wie die Klosterkirche der ruller Gemeinde überlassen worden, sondern im Eigenthum des Klosters verblieben und wurde als solche in den jährlichen Kloster-Registern aufgeführt und steht folglich zur Disposition der Kloster-Administration“10.

Tatsächlich tritt „die Königliche Klosterkammer der Gemeinde die Rullesche Capelle und zehn Scheffelsaat angrenzenden Grundes ab“ 11. Dafür bekommt die Kammer aus Markengrund sieben Scheffelsaat auf dem Hohne zurück.

Der Wallfahrtsbetrieb hatte nach der Auflösung des Klosters nachgelassen und die Kapelle diente einzig dazu, bei den zehn Feldprozessionen dort die letzte Station zu halten12. Offensichtlich war sie aber noch in einem Zustand, der gottesdienstliche Feiern zuließ.

Aus dem Baubefund des Landbauverwalters Doeltz von 1819 zur Vorbereitung der Umwandlung der Kapelle zur Schulstube kennen wir Maße und andere Einzelheiten.

Nach Doeltz ist die „alte massive Capelle 38 ½ Fuß (ca. 11,20 m13) im Lichten lang, 20 ½ Fuß (6,00 m) breit, 16 Fuß (4,70 m) hoch, mit Ziegeln gedeckt, im Dache ohne Balkenlage, die Sparren mit Brettern verschalt, die Fenster sind 8 Fuß Höhe (ca. 2,35 m) von der Erde gelegen und unbrauchbar, der Fußboden ist mit Backsteinen schlecht geflurt“14.

Nach seinen Plänen sollte ein dreiteiliges Lehrerhaus entstehen wie es im frühen 19. Jahrhundert auf dem Lande üblich war: mit einer „Schulstube“ und einer Wohnung für eine Lehrerfamilie sowie mit Stallungen für eine kleine Landwirtschaft. Die Schulstube sollte mit der Lehrerwohnung verbunden sein.

Der Umbau der Gnadenkapelle zur Schulstube verlangte radikale Eingriffe in die Bausubstanz; die erhaltenen Baurechnungen weisen diese Arbeiten nach15. Das Dach wird völlig abgetragen und später neu verzimmert. Vom Glockenturm wird die „Kuppel mit Kreuz“ an den Kupferschläger Hammersen nach Osnabrück verkauft, „die Glocke von der Capelle (für 27 Thaler, 18 mgr) an die lutherische Gemeinde in Bellm“. Die sieben „Kirchenfenster“ werden heraus genommen und sechs davon in Rulle verkauft; die beiden großen Eingangstüren werden zu Türen für das Lehrerhaus umgearbeitet, der Altar wird „herausgebrochen und weggearbeitet“; die Flurziegel aufgenommen und für Keller- und Stallungsböden vorgesehen.

 

„Die erübrigten Bruchsteine kauft der Markkötter Probst für 23 Thaler und 30 mgr.“16; ihm wird dafür wohl das gesamte Steinmaterial der abgebrochenen Apsis überlassen worden sein. Danach werden nur noch die Seitenwände mit vier Fensterlöchern und die Westwand mit den zwei leeren Portalen gestanden haben.

Die Grundrisszeichnung und die Berechnung der Baumaterialien, die Doeltz zur Ausschreibung vorgelegt hatte, gehen von dem Erhalt der Apsis aus (s. Grundriss). Die Zimmererarbeiten werden nach diesen Vorgaben kalkuliert und auch die Schulbänke werden passend für die Apsis in Auftag gegeben. Die Berechnung des Fußbodens für die Schulstube geht allerdings von 800 Quadratfuß aus, was genau der Fläche eines rechteckigen Raumes unter Einschluß der Apsis entspricht. Auch aus den Maurerrechnungen lassen sich Arbeiten und Materiallieferungen ersehen, die dafür sprechen, dass bereits 1820 ein rechteckiger Schulraum entstanden ist. Die Bestandspläne des Bauinspektor Reissner von 1876, die für eine notwendige Schulerweiterung angefertigt worden sind, zeigen ebenfalls einen rechteckigen Schulraum, der die Apsis einschließt. Von Reissner wissen wir auch, dass der Raum nur Fenster zur Ost- und zur Südseite gehabt hat17.

Die Fenster der Südseite werden am alten Platze vergrößert und in der Höhe versetzt. Das rechte Portal wird Eingangstür zur Schulstube, in dem linken wird der gemeinsame Schornstein für die Schulstube und die Küche der Lehrerwohnung aufgesetzt18. Die Fenster- und Haustürgewände werden „aus behauenem Iburger Sandstein“ erstellt.

Der „doppelte stehende“ Dachstuhl wird völlig neu gezimmert und bekommt zur Straßenseite die Neigung des neu entstehenden Hauses.

Die neue Balkendecke wird mit Tannendielen verschalt. Der eichene Fußboden liegt 65 cm über dem Flurniveau der Kapelle19, die Raumhöhe ist somit noch 3,45 m.

 

Der Bruchstein ist innen und außen mit Kalkmörtel geputzt und geweißt worden. Das Königliche Amt weist den Bauherrn an, „daß der Ofen in der Schulstube mehr in der Mitte angebracht werden könnte, denn wenn mäßig eingeheizt wird, so haben die hinten sitzenden Schüler die erforderliche Wärme nicht, wird aber stark eingeheizt, so dürfte solches den Lehrer und nahe sitzende Kinder beschwerlich
fallen“
20. Den „Pottofen“ mit Rohren und Stein verkauft die Äbtissin v. Waldthausen der Schulgemeinde für 11 Taler. Extra lange Ofenrohre, so genannte Russische Rohre, sollten für die größere Ausnutzung der Wärme sorgen.

Mit Bedacht wurde die Anordnung der Schulbänke von Ost nach West gewählt und der Lehrerstuhl an der Westwand aufgestellt. Das durch die großen Fenster einfließende Licht fiel somit von links auf die Hände der schreibenden Kinder. In dieser Schulstube hat es nie elektrisches Licht gegeben. Erst 1911 wurde die Försterei mit Elektrizität versorgt.

Die Schulbänke rechts und links des Mittelganges sollten nach Doeltz´ Berechnungen Platz für 78 Schreibschüler und 112 Leseschüler geben.

Es ist zu lesen, dass Zimmermann Meyer für die Schulbänke „Holz aus der alten Kirchspielkirche genommen“ hat. „Zur Einlassung in die Schreibbänke lieferte der Kupferschläger Hammersen 50 Stück bleierne Tintenfässer“. In Richtung des Lehrerstuhles sollte die Höhe der Bänke abnehmen. Zimmermeister Gattman aus Rulle lieferte eine Rechentafel. Der Eingang zum Schulhaus war von der „Fahrwegseite“ her. Von dort betrat der Lehrer seine Wohnung und die Schüler durch die alte Portaltür die Schulstube.

 

Für den Westgiebel des neuen Schulhauses hat Maurermeister Schoof einen behauenen Stein mit Inschrift gefertigt (s. Foto). Er stellt gleichzeitig zwei Wappensteine in Rechnung, die er „verändert und abgearbeitet und auf die Tafel neue Inschrift gemacht hat“. Sie befinden sich heute im Gebäude der verkauften Schule in Ost-Rulle. Die Inschriften lauten: „Schulhaus. Errichtet im Jahre 1820 durch Grossmuth der Königlichen Regierung, durch kräftige Unterstützung des Königl. Amts und treues Mitwirken der Gemeinde unter Pastor C. Sepe“. Im zweiten Stein ist zu lesen: „Ein Schulhaus ist wahrhaft auch ein Gotteshaus. Lasset die Kinder zu mir kommen, denn für die ist das Reich Gottes. Marc. 10. Cap. 14.V.“21.

Als an „Michaelis“22 1820 für 150 Ruller Kinder das neue Schuljahr begann, durften sie zum ersten Male ein Schulhaus betreten. „Zu früheren Zeiten ist bald in diesem, bald in jenem Bauern-Kotten oder Backhause von einem Heuermanne, den die Erbgesessenen dazu erwählt hatten, Schule gehalten worden“23.

1879 ist das Schulhaus aufgegeben worden, weil sich das Äbtissinnenhaus „Auf dem Kloster“ für diesen Zweck anbot und ausreichenden Platz für den Klassenraum und zwei Lehrerwohnungen hatte.

 brownnote_up.gif

Das Ruller Schulhaus 1820 – 1879

Das erste gemeindliche Haus war in Rulle das 1820 erbaute Schulhaus. Mächtig muss das 30 Meter lange Gebäude auf dem „Kleinen Hügel“ gewirkt haben. Wie schon die Kapelle zuvor, wurde es mit hiesigen Bruchsteinen gebaut, geputzt (gerappt) und geweißt.
 

Zur Fahrwegseite zeigte der helle Bau mit seinen goldbraunen Sandsteingewänden und dem roten Ziegeldach seine gediegenen Schönheit. Nach Osten neigte sich das Dach zu.

Die Alte Försterei von Westen geseheneinem halben Walm, zur Westseite hatte es einen stehenden Giebel. Diese Westseite ist mit einem mittig gesetzten sandsteingefassten Bogenfenster und beidseitig eingefügten weiteren zwei Fenstern bemerkenswert sorgfältig gestaltet. Der Giebel hat zwei größere Fenster. Hier ist auch ein behauener Sandstein zur Erinnerung an die Bauleute eingesetzt

gewesen: „Unter der Direction des Königl. Voigts Schwicker durch A. W. Schoof Mauermeisters und F. C. Meyer Zimermeister aus Osnabrück im Jahre 1820 errichtet“.

Sieben schlanke Fenster und zwei Türen mit drei Sandsteinstufen teilten die lange Straßenfront. Die eine Tür führte über ein Entrée in die Schulstube und in die Wohnung des Lehrers, die andere zur Dreschdiele im Westteil des Hauses.
 

Nach Osten wurde das Grundstück zur Wegseite von einer 8,50 m langen und 2,30 m hohen „Hofeinschluss mauer“ aus Ziegelsteinen mit Sandsteinkappen begrenzt. Ein hohes eichenes Brettertor verschloss die Einfahrt. Zum Hof hin hatte die Schule nur ein Fenster nach Osten. Die schmalere alte Kapelle bildete mit dem breiteren Wohnhaus einen Gebäudewinkel (s. Foto24). geweisst. Nahe dieser Stelle ist 1820 ein Ziehbrunnen gegraben worden, wenige Schritte vom Eingang zur Küche. Markant war das Rundbogentor zur Dreschdiele mit Sandsteingewänden, „Absetzer-Schlußstein und Kämpfer“25.

Die Wohnung der Lehrerfamilie, die durch die Westwand der Schulstube und der Brandmauer zur Diele begrenzt war, hatte 74 qm.

Der Innenausbau geschah mit leichtem Fachwerk, das mit Bruchstein26 gefüllt worden ist. Die Fachwerkwände der Wohnung sind mit Lehm geputzt und dann geweisst worden.

 

Zentrum des Hauses war wohl die Küche mit einer offenen Herdstelle und einem Rauchfang. Von diesem Raum ging eine Treppe in den nur 1,60 m tiefen Keller. Über dem Keller befand sich eine kleinere Kammer. Ein schmaler, dunkler Gang führte von der Küche in den Stallbereich. Somit verfügte die Lehrerfamilie über eine Wohnung mit „Küche und 3 Zimmern – ohne Bad“.

 

 

Eine Bodentreppe mit einseitigem „Docken- geländer“ führte vom Entrée aus zu einer in Fachwerk aufgesetzten Dachkammer, die später die Domestiken-kammer genannt wird, ebenfalls zu der wichtigen Räucherkammer. Beide sind noch heute erhalten. Im oberen Teil des Treppenhauses war „ein tannener gehobelter Verschlag mit Decke und Tür“ zum Trocknen von Fleisch und Würsten27.

Untypisch für ein Lehrerhaus des frühen 19. Jahrhunderts ist die dritte Feuerstelle, die ein Zugeständnis des Vogtes Schwicker gewesen sein

soll. Der Ofen war in der Stube des Lehrers aufgestellt28.

 

Die Stallungen lassen sich nicht genau zuteilen. Es werden Kosten für Schweinestall, Kuhstall und Hexelkammer in Rechnung gesetzt. Ein Abort mit eichenem Sitz und losem Deckel befindet sich ebenfalls in dem Stallbereich. Fünf Toilettensitze für die Schüler sind an der Westseite des Hauses, nahe der Mistgrube, eingezeichnet.

Der Brunnen, der noch heute Wasser gibt, ist mit viel Mühe in den Felsboden hinein gesprengt worden. Der Bergmeister Herold vom Piesberg hat dazu 4¾ Pfund Pulver geliefert. Seilermeister Anton Sommer aus Osnabrück hat ein 9 Klafter langes Seil29 für die Winde in Rechnung gestellt.

Die Endabrechnung des Schulhauses, die Vogt Schwicker im Dezember 1820 vorlegt, schließt mit 1724 Reichsthalern, 1 Mariengroschen und 2 Pfennig ab. Auf der Einnahmenseite hat er jedoch 2 324 Reichsthaler und 26 Mariengroschen, so dass ein Guthaben von 600 Rthl., 24 mgr. und 6 Pf. in die „Communal-Rechnung“ von 1820 eingeführt werden konnte30. Für den Schulbau hatte der Vogt selbst eichene Dielen und Ständerholz „gratis geliefert“, Weihbischof von Gruben hatte 100 Rthl. versprochen und Pastor Sepe 50 Rthl. gegeben, die alte Äbtissin von Waldthausen und ihre Schwester, das Fräulein von Waldthausen, gaben 20 sowie „mehrere Schulfreunde“ 106. Aus „Abgefall von Baumaterialien“ und erstatteter „Landmiethe“ sind etwa 95 Rthl. eingekommen. Mehr als achtzig Prozent der Einnahmen wurden aus dem Grundverkauf in der Ruller Mark eingenommen. Damals sind mehr als 155 Scheffelsaat (ca. 18 ha.) dafür verkauft worden31.

In die Kostenrechnung für das Schulhaus ist die „Nota“ des Wirtes Beckmann, der die Klosterschänke im Pfortenhaus betrieb32, mit 24 Rthl. und 12 mgr. eingegangen. Dafür lieferte er zum Richtfest im August „3 ton(nen)33 Bir“ und „25 Kann(nen) Brantwein, per Kanne 10 mgl., Stuten, Butter und Käse“34.

Am 17. Oktober 1820 ist die Schule eingeweiht worden.

Eine Lehrerwohnung mit landwirtschaftlichen Nebenräumen und einem guten Stück Land war neben dem Schulgeld, das die Familien der Schulkinder aufbringen mussten, eine wichtige Versorgung für den Landschullehrer. In den Kirchdörfern waren die Schulmeister zugleich Küster und Organisten, so dass das Lehrerhaus gern Küsterei genannt wurde, weil mit diesem Amte ein größeres Ansehen verbunden war.

Der vom Königlichen Amte bestellte Lehrer Heinrich Johannes Bedenbecker (27) aus Iburg konnte sich auf diese Ausstattung seines Amtes freuen, als er an Michaelis 1820 seine neue Stelle als Lehrer, Küster und Organist einnehmen und das fertiggestellte Lehrerhaus beziehen konnte.

Bedenbecker hat bis zu seinem Tode 1873 in diesem Hause gewohnt. Er kam 1820 vom „Osnabrücker Normalkurs“, einem Vorläuferinstitut des Bischöflichen Lehrerseminars. Er heiratete 1821 die gleichaltrige Klara Elisabeth Schäfer aus Iburg. Die Lehrerfamilie hatte fünf Kinder. Ein Sohn ist Priester geworden. Eine Tante des Lehrers war Ende des 18. Jahrhunderts Laienschwester und „Küchinn“ bei den Zisterzienserinnen in Rulle35.

Bis 1879 ist dieses Anwesen Schulhaus geblieben. Seit 1865 hatte man versucht, für die damals 180 Kinder einen weiteren Klassenraum anzubauen und eine zweite Lehrperson (eine Lehrerin) zu bekommen. Der zweite Schulraum, die Erweiterung der Lehrerwohnung und die Einrichtung einer Stube und einer Kammer für die zweite alleinstehende Lehrkraft waren vom Bauinspektor Reissner bereits geplant36, als die Schulgemeinde zum 1. 10. 1879 den „mittleren Teil des Klostergebäudes“ erwerben konnte, so dass sich in „demselben zwei Klassenzimmer und zwei Dienstwohnungen“37 einrichten ließen.

Erst 1884/85 konnte das alte Schulhaus von der Oberförsterei erworben werden38.  brownnote_up.gif

 

 

Das Forstgehöft der Öberförsterei Osnabrück 1885 – 1931

Der Umzug der Schule ins Äbtissinnenhaus „Auf dem Kloster“ hat zu lang andauernden Verkaufsverhandlungen zwischen der Schulgemeinde und der Königlichen Klosterkammer um das

alte Schulhaus und den dazu gehörenden Ländereien geführt. Noch im Herbst 1884 war es nicht entschieden, ob der meistbietende Gastwirt Spannhorst oder die Klosterkammer den Zuschlag bekommen sollten.

1879 hatte die Forstverwaltung ihre Zuständigkeiten neu geordnet. Rulle gehörte seither als eigenständige Einheit zur Oberförsterei Osnabrück.

Oberförster Illiger, seit 1866 in Rulle, wollte das leerstehende Anwesen zur Försterei umbauen und den für Rulle zuständigen Förster dort unterbringen.

 

1888 entsteht ein „Bau-Inventarium von dem Forstetablissement in Rulle“39, das vom derzeitigen Förster Otto Robert Tappert (1883 – 1904) durch Unterschrift anerkannt wird. In demselben Jahr war nach Norden hin ein Erweiterungsbau von 9,60 m mal 7,00 m an den Dielen- und Stallteil des Lehrerhauses angesetzt worden. Auch sonst sind einige Eingriffe in die Bausubstanz gemacht worden.

Die 70 qm große Schulstube wurde Wohnraum, so dass nach Norden zwei Fenster eingebrochen werden mussten und die alte Eingangstür zur Küche als dritte Öffnung dorthin verlegt wurde. Dieser Zugang erschloss die neuen Wohnräume und die alte Wohnung.

Die nach Norden liegenden Räume der alten Wohnung wurden fortan „landwirtschaftliche Funktionsräume“. Die Küche war heller geworden, weil die verlegte Außentür zu einem Fenster umgebaut wurde. Neben dem Küchenfenster nach Osten wurde eine Tür zum neuen Flur eingebrochen. Dafür musste die alte Feuerstelle, „eine Kesselfeuerung von Backsteinen mit beschlagener Heizthür und langem Rauchrohr von Eisenblech und ein von Backsteinen gemauerter und überwölbter Backofen mit Backsteinherd und beschlagener Eisenblechthür“ entfernt werden. Der Raum über dem Keller wurde jetzt die „Kochstube“ des Hauses40.

Dort befanden sich eine „eiserne Kochmaschine mit Bratofen“ und einige eingebaute Möbel: „über dem Kellereingang ein schrankartiger Aufbau mit Decke, eine Börte darin und 2 beschlagene Thüren, davor eine feste Sitzbank mit Vorderbrett (kastenartig)“. Die „Kesselfeuerung mit beschlagener Heizthür, Roste und Vorblech“ wurde in der Viehküche, dem zweiten Raum an dem langen Gang, der zur Stallung führte, wieder aufgemauert.

Der Kellerraum ist auf 5,60 m mal 2,60 m vergrößert worden. Über acht Trittstufen einer hölzernen Treppe kam man in den nur 1,60 m tiefen Keller. „Bei der Kellertreppe (war) ein Milchgelass, bestehend aus 2 Halbstein starken Wänden mit 1 Drahtgitterfenster und einer eichenen Eingangstür zwischen zwei Pfosten“. Ein Waschplatz für alle Waschvorgänge, „ein Gossenstein von Sandstein, an 2 Seiten mit Backsteinen untermauert“, befand sich in der Küche in der Fensterecke.

Auf der anderen Seite des Ganges, zur Sonnenseite, blieben Stube und Kammer erhalten.
 

Durch einen 1888 errichteten Anbau konnten alle Stallungen nach dort verlegt werden. Die alte Dreschtenne wurde umgestaltet. Die Tür zur Straße wurde geschlossen und zum Fenster umgebaut. Der nach Süden gelegene Teil der Diele wurde Geräteraum. Der Anbau konnte in der Ost/Westachse von Landfahrzeugen durchfahren werden. Im Haus blieb die verkleinerte Dreschtenne mit der Bodenluke zum Heuboden. Im Stallanbau neben der Durchfahrt befanden sich zwei Schweineställe und der Kuhstall, beide durch einen Futtergang getrennt. Über den Ställen war ein Sitzgerüst für die Hühner und Lagerraum für Stroh und Futter. Dort war auch die Tür zum Bausenraum, der neuen

Räucherkammer. Bis zur nächsten Erweiterung des Stalles im Jahre 1911 konnte man den Bausenraum auch von der Nordseite durch eine Stalltür mit einem „Stichbogen“ begehen.

 

Noch einmal, 1911, wurde das Stallungskonzept durch die Erweiterung um 4,50 m mal 7,00 m verändert. Die alte Durchfahrt wurde verschlossen und kleinere Türen und Fenster eingesetzt, der Stallneubau, an der Ost- und Westseite mit je einem „2-flügel. schlichten Tor versehen. An jedem Tor 2 Radabweiser. In der Decke eine Einstiegsöffnung. Das Dach mit roten Falzziegeln gedeckt“. Die Nordwand ist als Ziegelfachwerk gebaut worden und hat eine kleine Lukentür von 1,20 mal 1,00 m. Mit diesem Anbau sollte Platz für einen Pferdestall geschaffen werden.
 

  Der Lageplan zeigt das ganze Anwesen. Nach Norden liegen 7 Scheffelsaat41 Ackerland des Försters. Zur Westseite der Garten. Das Inventarium listet 1919 einundzwanzig Apfelbäume, sechs Birnbäume, vier Zwetschenbäume und vier Kirschbäume auf. Schon 1888 werden an der Südseite des Hauses 5 Weinstöcke erwähnt.

Aus der Zeit des Försters stammt die 38 Meter lange Böschungsmauer, die aus Bruchstein aufgeschichtet worden ist. An zwei Stellen sind Kartoffelkeller in den Hang gearbeitet worden, kleine Räume von 3,20 m mal 2,30 und 2,40 m mal 2,70 m. Die gewölbten Ziegelsteindecken sind 1,80 m und 1,65 m i. L. hoch.

In dem beschriebenen Forstgehöft hat bis zu seiner Pensionierung 1904 der Förster Robert Otto Tappert gewohnt. Ein bemerkenswerter Mann, ihm wurde 1902 der Titel Hegemeister verliehen und zu seiner Pensionierung der Königliche Kronen-Orden IV. Klasse42. Weitere Bewohner des Gehöftes waren Förster Burghard Frasch (1904 – 1922) und Hegemeister Einicke (1922 – 1932)43. 1930 „beschloß die Klosterverwaltung, eine neue Försterwohnung östlich der dicken Linde, in der sogenannten ´Langenwand´ zu bauen“. Im Frühjahr 1931 hat man sie bezogen44.

Nach der Försterzeit ist das Haus vom Klosterforstamt an Private vermietet worden.

Als Kleinkind ist der heutige Bewohner Johannes Brickwedde mit seinen Eltern dort eingezogen. Ihm kommt dass Attribut zu, von allen Bewohnern dieses Hauses die längste Zeit (siebzig Jahre) darin gewohnt zu haben.

Am 26. September 1944 sind der westliche Teil des Wohnhauses und die Stallungen durch mehrere britische Brandbomben getroffen worden. Die Trägerbalken in der Diele und den Stallungen zeigen noch heute Brandspuren. Der Giebel oberhalb der Fenster musste mit Schlackensteinen neu aufgerichtet werden. Das Dach der Stallungen wurde mit Zementziegeln neu gedeckt. Personen kamen nicht zu Schaden.

Nach dem 2. Weltkrieg hat der Praktische Arzt Dr. Spellmann seine Praxisräume im Anbau gehabt.

Seit dem 1. 4. 1954 sind das Gebäude und 1624 qm Haus- und Hofraum sowie 1070 qm Gartenland im Besitz der Katholischen Kirchengemeinde Rulle. Pfarrer Thomes hatte damals die Absicht, „die ´Blutskapelle´ allmählich wieder mit der Wallfahrt irgendwie in Beziehung zu setzen“45.

1978 ist das Eigentum neu parzelliert worden. Das Grundstück hat heute 1819 qm.

Das Gebäude ist 1984 unter der Ziffer 143/144 in das „Vorläufige Verzeichnis der Baudenkmale in der Gemeinde Wallenhorst“ aufgenommen worden.

Im Dezember 2002 ist das Anwesen in den Besitz des Ruller Haus e. V. über gegangen. brownnote_up.gif


Anmerkungen:

  1. Ruller Haus e. V., Ehemaliger Vorsitzender und Autor dieses Beitrages Erich Goer, Amselweg 3, Tel. 05407/6620; Ehemaliger Stellv. Vors. Dr. Bernard Marquering, Blumenmorgen 9, Tel. 05407/6539, beide in 49134 Wallenhorst. brownnote_up.gif
  2. s. Wilma Lorenz – Flake, Kloster Rulle und seine Äbtissinnen, 1980. brownnote_up.gif
  3. s. Pastor Sepe, Pfarrarchiv (PfA) Rulle, D 710, Bd. I, Schulbau West-Rulle. brownnote_up.gif
  4. s. Landbauverwalter Doeltz, Bauakte, STAOS. Rep. 355, Nr. 771. brownnote_up.gif
  5. ebd., Rechnung Baumeister Meyer. brownnote_up.gif
  6. s. K. Müller, Ergebnisse baugeschichtlicher Untersuchungen an der ehemaligen Blutskapelle in Rulle, s. Lorenz-Flake. brownnote_up.gif
  7. s. Doeltz. brownnote_up.gif
  8. s. STAOS Rep 355, Nr. 771, Rep. 335, Nr. 4386. brownnote_up.gif
  9. s. Lorenz - Flake, S. 81.brownnote_up.gif
  10. s. Sepe. brownnote_up.gif
  11. s. STAOS. Rep. 335, Nr. 4386.brownnote_up.gif
  12. s. Sepe.brownnote_up.gif
  13. 1 hann. Fuß = 0,2920947 m. brownnote_up.gif
  14. s. Doeltz. brownnote_up.gif
  15. s. STAOS. Rep. 350, Nr. 771 brownnote_up.gif
  16. ebd. brownnote_up.gif
  17. s. Reissner, PfA Rulle. brownnote_up.gif
  18. s. Rechnung Schoof, Rep. 350, Nr. 771. brownnote_up.gif
  19. s. K. Müller. brownnote_up.gif
  20. s. Rep. 350, Nr.771. brownnote_up.gif
  21. s. A. Albers, Heimat-Jahrbuch 1990 S. 117. brownnote_up.gif
  22. Michaelis, 29. 9. = üblicher Schuljahrsbeginn; Jacobi, 25. 7. = Schuljahrsende. brownnote_up.gif
  23. s. Sepe, PfA Rulle, D 710, Bd. I. brownnote_up.gif
  24. Die Farbfotos dieses Beitrages sind von M. Schürmann. brownnote_up.gif
  25. s. Rechnung Schoof, Rep. 350, Nr. 771. brownnote_up.gif
  26. s. Gesamtrechnung, Anfuhrkosten, Rep. 350, Nr. 771. brownnote_up.gif
  27. s. Bauinventarium 1888, PfA Rulle. brownnote_up.gif
  28. s. Rep. 335, Nr. 4386. brownnote_up.gif
  29. s. Brockhaus MM – 1 Klafter, Längenmaß, = 6 Fuß. brownnote_up.gif
  30. s. Rep. 350, Nr. 771. brownnote_up.gif
  31. s. Rep. 350, Nr. 771. brownnote_up.gif
  32. heute Gaststätte Nieporte brownnote_up.gif
  33. 1 Tonne Bier = 108 Kannen; 1 Kanne = (1 – 2 l dtv). brownnote_up.gif
  34. s. Rep. 350, Nr. 771. brownnote_up.gif
  35. s. Kirchenbücher Iburg und Rulle, BAOS. brownnote_up.gif
  36. s. Reissner, Pläne über die Erweiterung der Schule Rulle–West, 1876, PfA Rulle. brownnote_up.gif
  37. s. Rep. 335, Nr. 4386. brownnote_up.gif
  38. s. Rep. 577, Nr. 336. brownnote_up.gif
  39. s. Bau-Inventarium von dem Forstetablissement in Rulle 1888, PfA. Rulle. brownnote_up.gif
  40. Diese und folgende Anmerkungen s. Bauinventarium.  brownnote_up.gif
  41. 1 Scheffel-Saat (Osn.) ~1 180 qm  brownnote_up.gif
  42. s. Rep. 577, Nr. 336. brownnote_up.gif
  43. s. Nordmeyer, Chronik Wallenhorst, S. 145. brownnote_up.gif
  44. s. Hillbrenners Ruller Schulchronik, SchA GS Rulle. brownnote_up.gif
  45. s. Pfr. Thomes, Schr. d. KV vom 31. 1. 1953, PfA Rulle. brownnote_up.gif